Frickel-Frust und betörende Schönheit - "Jazz in E." ging mit
Besucheransturm zu Ende Von Thomas Melzer
Nicht Sponsor, sondern Nutznießer von "Jazz in E." sei sein Haus,
sagte Sparkassenchef Josef Keil zur Festivaleröffnung, und: "Wir
begehren Aufnahme in ihren Bund." Das Investment in ein Jazzfest
ist stark risikobehaftet, wie Keil am gefürchteten
"Frickel-Freitag" erfahren mußte. Konnte man in den Vorjahren den
experimentellen Vorführungen an diesem Sendeplatz immerhin noch
irgendwie den Status von Musik zubilligen, erlebte das Publikum in
diesem Jahr eine halbstündige Demonstration von Schwingungsphysik:
Posaunist atmet durch sein Instrument aus, Computerbediener fängt
die Signale ein und schickt sie nach Strombehandlung wieder weg.
Das Publikum wirkte mehrheitlich ratlos. Mochte derlei
elektroakustische Improvisation zuletzt bei der Club Transmediale
in Berlin als ästhetisch vorausweisend gegolten haben, in
Eberswalde war hier die Aufnahmegrenze des Publikums deutlich
überschritten. Etwas weniger programmatischer Wagemut wäre dem
Festival zukünftig dienlicher, ohne es schon beliebig zu machen.
Josef Keil jedenfalls hatte den Bund in der Pause verlassen und
verpaßte dadurch den wunderbaren Auftritt der Berliner Kapelle
"Lax". Nun standen Musiker auf der Bühne, in denen Feuer brennt,
die aus ihren Instrumenten Energie verschleudern, gleichwohl dabei
konzentriert zusammenspielen. Das ist Jazz! Intelligent und
emotional zugleich. Die Klangdichte war schon hoch, da gesellte
sich der Posaunist Johannes Bauer zur Band. Ohne je miteinander
geprobt zu haben, erspürten die fünf Musiker in kurzer Zeit ihre
gemeinsame Wellenlänge und sorgten für ein denkwürdiges Finale
dieses Abends. Anderntags auf der Autobahn. Im Bus die junge
Berliner Band "Olaf Ton": "Fahrensmann, mach's Radio an, Bundesliga
hör'n mit Sabine Töpperwien!" In Eberswalde ist dann auch
Bundeligastimmung - das Wald-Solar-Heim pickepacke ausverkauft!
"Olaf Ton", Durchschnittsalter 30, gewandet in disparate
Fußball-Leibchen, stürmt die Bühne wie der FSV Mainz 05: ungestüm,
kraftvoll, gewitzt. Ihre Titel tragen Namen wie "Olaf Ton und das
dunkle Vermächtnis der goldenen Kuh" und so überdreht klingen sie
auch. Es wird wohl das ewige Geheimnis der Berliner Musikhochschule
"Hanns Eisler" bleiben, wie man dort Hauttyp I und brasilianisches
Temperament zusammenfügt. "Furios" ist das passende Attribut für
dieses Konzert. Wald-Solar-Heim-Chef Simon, diesmal hinterm Tresen
zugange, kann nun gewiß sein, daß die Statik seines Hauses in
Ordnung ist. Die abwesende Sparkasse Barnim verpaßt leider, wie
kleiner Einsatz hier hohe künstlerische Rendite einfährt. Hohen
Hör-Wert gibts auch im zweiten Teil des Abends, die Musik jedoch
ist ganz anders. "Novotnick 44" aus Köln spielen sinfonischen
Breitwand-Jazz, mal flirrend, mal elegisch. Sie schöpfen ihre Musik
aus osteuropäischer Folkore, und wenn sie spielen, tun sich
Klanglandschaften auf. Bläsersätze von solch betörender Schönheit
wurden lange nicht gehört. Beide Konzerte dieses Abends wurden vom
rbb-Kulturradio aufgezeichnet, die Sendetermine stehen noch nicht
fest. Die MOZ wird sie rechtzeitig vermelden. Nach vier langen
Festivalabenden mit interessanten Begegnungen und musikalischen
Disputen geriet der traditionelle Jazz-Frühschoppen am Sonntag zu
einer Entspannungsübung für die Eberswalder Musikfreunde und das
übernächtigte Festivalteam. "Night Train" aus Berlin swingte sich
im Weinkontor durch ein Klassiker-Programm. Die Stimmung entsprach
dem Titel des Eröffnungsprogramms mit Sauer/Wollny, "Melancholia".
Schon im Juli, zum Weltmusikfestival "purpur" im Forstbotanischen
Garten, wird man sich wiedersehen.
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