jazz in e.

Ein Festival aktueller Musik. Jedes Jahr zu Himmelfahrt. In Eberswalde.

Rezensionen 2009


Märkische Oderzeitung / Feuilleton / 25. Mai 2009
Seelenvolles Fest des Jazz
Mehr Groove als Swing: 15. Ausgabe des Eberswalder Festivals setzte neue Maßstäbe
Unlängst am Bahnhof Eberswalde. Der Nachtzug nach Berlin fällt aus, das örtliche Busunternehmen stellt flink Ersatz. Gesundbrunnen liege doch im Westen, vergewissert sich der Busfahrer, ob da notfalls einer Lotsenhilfe leisten könne. Jahrelang habe er die berühmten Würstchen in die Hauptstadt der DDR geliefert, jetzt werde es ihn wohl erstmals in den Westteil der Stadt verschlagen. So ist der Eberswalder – auch im Jazz. Unverzagt stürzt er sich in Konzerte, die auf fremdes Territorium führen und nächtliche Irrwege nicht ausschließen. Am vergangenen Wochenende fand hier erneut das Festival „Jazz in E.“ statt, zum 15. mal bereits, und wer sich die Herkulesaufgabe vorzustellen vermag, einen Konzertzyklus mit freier, improvisierter Musik in der märkischen Provinz zum Publikumserfolg zu führen, weiß, dass hier Festival- wie Hundejahre zählen. Zum Jubiläum hat Programmchef Udo Muszynski den Konzertbesuchern – die immer mehr auch aus Berlin anreisen – ein Quäntchen musikalische Berechenbarkeit gegönnt. Zum „Best of“ der letzten 14 Jahre trafen sich an den vier Festivalabenden ausschließlich Musiker, die in Eberswalde bereits früher auf der Bühne standen. Nötig ist derlei Fischen mit prominenten Namen hier nicht. Die örtlichen Musikfreunde wissen längst, dass es freitags immer etwas frickliger zugeht und man am Sonnabend gut auch die Familie mitbringen kann. Ein berechenbarer Stil und so etwas wie eine „Seele“ machen den Unterschied aus zwischen einem Festival und der bloßen Aneinanderreihung von Konzerten. Dabei hat, genaugenommen, in Eberswalde nicht nur ein Festival stattgefunden; nach dem vergangenen Wochenende lässt sich „Jazz in E.“ treffender wohl als „Jazzfest“ zertifizieren. Der Qualitätssprung ist kaum zu benennen, er war häufig einfach zu spüren. In der leidenschaftlichen Dankbarkeit etwa, die gut 250 Zuhörer nach dem – keineswegs „kulinarischen“ – Konzert von Aki Takase und Rudi Mahall in ihren Beifall legten. An den vielen glänzenden Augen, die nach dem Auftritt der Entertainerin Erika Stucky verrieten, großartiges erlebt zu haben. An der beinahe familiären Vertrautheit, mit der Kalle Kalima auf das ihm seit vielen Jahren bekannte Publikum einging. Und auch dass am Einlass zu einem ausverkauften Paul-Wunderlich-Haus Besucher abgewiesen werden mussten, dürfte den Status des Festivals noch befördert haben. Auffällig war eine Zunahme jugendlicher Gäste. Gezielte Kontaktpflege und eine Programmauswahl, nach der es immer öfter groovt statt swingt, zeigen Erfolg. Erneut überließ Udo Muszynski Schülern des örtlichen Gymnasiums Eintrittskarten zum Preis einer Konzertrezension. Und noch eine Besonderheit, die viel über die Atmosphäre des Festivals verrät: Jazz in Eberswalde ist nicht, wie anderswo, eine männliche Domäne. Frauen werden hier nicht allenfalls „mitgenommen“, sondern bilden traditionell eine selbständige Hälfte des Publikums. Und vielleicht erst mit diesem Stand wird aus einem Jazzfest mehr als eine akademische Hörveranstaltung. Eine Kontaktmöglichkeit im Zentrum der Stadt wolle er schaffen, sagt Udo Muszynski. Die Offenheit und Frische der Musik möge auf das Leben ausstrahlen. Folgerichtig wurde „Jazz in E.“ von zwei urbanen Jazzparties eingerahmt, live inszeniert vom Hamburger Mojo Club und der Berliner Band Lychee Lassie. (Thomas Melzer)

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