Märkische Oderzeitung / 27.5.06
Jazzfestival (fast) ohne Jazz - Erste Höhepunkte bei "Jazz in
E." Von Thomas Melzer
Am Donnerstagmorgen rief Udo Muszynski den Deutschen Wetterdienst
an. 80 Prozent Regenwahrscheinlichkeit, da war klar, daß der
Auftakt des diesjährigen Eberswalder Jazzfestes von der
Frischluftbühne in den Saal des Wald-Solar-Heimes verlegt werden
musste. Drei Stunden später standen hier "The Mighty Three" (Die
Mächtigen Drei) auf der Bühne, zum ersten Himmelfahrtskonzert in
der zwölfjährigen Geschichte von "Jazz in E." Es geschah auch zum
ersten Mal, daß ein teilnehmender Künstler bekannte: "Wir
verabscheuen geradezu Jazz!". Keine Ironie versteckte sich hinter
den Worten von Gitarrist Doc Wenz, wurde das Festival gleich zu
Beginn von einem Trojanischen Pferd heimgesucht? Irritierte Blicke
flackerten zu Macher Muszynski, der demonstrativ gelassen blieb.
Und tatsächlich, alles ward gut. Doc Wenz, Reverend Krug und Sir
Ditzner, die man sich optisch als die Auferstehung der
Mississippi-Piraten aus dem unerreicht liebevoll gezeichneten und
spannenden Digedag-Comic "Mosaik" vorstellen muß, spielten einen
schweren, erdigen Südstaatenrock. Er ist in den Sümpfen von New
Orleans zu Hause und obgleich die Stadt auch durch ein Jazzfestival
berühmt ist, hat er mit Jazz nichts zu tun. Die "Mächtigen Drei"
stammen aus dem deutschen Süden und bekannten, von Eberswalde noch
nichts gehört zu haben. Nach knapp zehnstündiger Fahrt waren sie am
Vorabend angekommen, hatten beinahe einen Fuchs überfahren und sich
gefragt, wie viele "Füchse und Hasen hier wohl am Vatertagvormittag
zu einem Jazzfestival kommen würden". Sie sollten sich wundern. Der
Saal wurde voll, alle Altersgruppen hatten offenkundig Spaß an der
archaischen Musik und vor der Bühne entdeckte ein Dutzend Jungs die
Lust am Luftgitarrenspiel. Das Vergnügen war beiderseitig. Man
sollte nicht unterschätzen, welch positive Kunde über eine Stadt
Musiker ins weite Land tragen, wenn es ihnen gefallen hat. "The
Mighty Three" verbrachten den ganzen Tag in Eberswalde und hörten
sich auch das Abendprogramm noch an. Da gab es zunächst wiederum
keinen Jazz. Der Regisseur Paul Plamper hatte sein preisgekröntes
Hörspiel "Top Hit leicht gemacht - In 50 Minuten an die Spitze der
Charts" mitgebracht - und als unangekündigte Überraschung einen
besonderen Film. Das amüsante, im Saal immer wieder von Gelächter
begleitete Hörspiel demonstriert, wie ein armer, musikalisch
untalentierter Arbeitsloser einen Charts-Hit produzieren kann,
indem er einige grundlegende Branchenregeln befolgt. Der für das
Hörspiel synthetisierte Song "ein zum Gotterbarmen dürftiges Stück
akkustischer Umweltverschmutzung" brachte es in der deutschen
Hitparade immerhin auf Platz 37. Die Erfolgsregeln stammen von der
englischen Band "The KLF", der damit in den achtziger Jahren einige
kalkulierte Nummer-Eins-Hits gelangen. Um ihre Verachtung für das
auf diese "unmoralische" Weise verdiente Geld zu demonstrieren,
verbrannte die Band eine Million englische Pfund. Das
Stummfilmzeugnis dieses Brandopfers war während des Hörspiels auf
der Bühne zu sehen. Im anschließenden Podiumsgespräch mit Lars
Fischer gewann Paul Plamper dem kalkulierbaren Hitparadenbetrieb
immerhin den Trost ab, daß er völlig demokratisch sei, weil in ihm
jeder eine Chance habe! Danach endlich gab es Jazzmusik zu hören,
wenngleich auch "Lychee Lassi" mitnichten eine Jazzband ist. Die
vier jungen Berliner sind so cool und offen, daß sie mutmaßlich gar
keine Musikrichtung verabscheuen. Während Schlagzeug, Baß und
Gitarre ein pulsierendes Rhythmusfundament weben, kramt DJ Ill Vibe
in seiner Überraschungskiste und lässt fingerfertig vom
Plattenspieler ganz unterschiedliche Stimmen "singen". In der
Kommunikation der Musiker entstanden so einige mitreißende Momente.
Sie seien selber immer wieder überrascht, wie sich ihre Stücke
entwickelten, bekannte Schlagzeuger Jost Nickel dem konzentriert
hörenden Eberswalder Publikum. Es war ein Auftakt mit spannenden
Kontrasten: Rock, Pop und Jazz an einem Tag, das gab es noch nie.
Heute abend erlebt "Jazz in E." wohl seinen diesjährigen Höhepunkt:
Die spektakuläre "Top Dog Brass Band", der Jazzsänger Michael
Schiefel und das amerikanische Saxophonistinnen-Quartett "The
Tiptons" in dem vom Duo Doublevisions illuminierten
"Paul-Wunderlich-Haus". Beginn ist 20.00 Uhr, Karten gibt es an der
Abendkasse (8 Euro, ermäßigt 6 Euro).
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