jazz in e.

Ein Festival aktueller Musik. Jedes Jahr zu Himmelfahrt. In Eberswalde.

Rezensionen 2008


Märkische Oderzeitung / 5. Mai 2008
Kühler Jazz am Nordtor -
„Jazz in E.“ ging mit Reigen weiblicher Stimmen zu Ende

Von Thomas Melzer
Abfahren und Ankommen. Bassist Jan Roder reiste vom Indien-Gastspiel an, Klarinettist Rudi Mahall kam aus New York zu „Jazz in E.“. Hier ließ er den Geist der großen Jazzmetropole aus dem Koffer: Das vierstündige Konzert ihrer Band „Die Enttäuschung“ markierte den Höhepunkt des 14. Eberswalder Festivals aktueller Musik. Im traditionellen Sinne war dies überhaupt der einzige Jazzabend im Paul-Wunderlich-Haus. Abgesehen davon, dass die fünf Musiker durch allerlei Späße für Kurzweil sorgten – während Jeneßen in einer der 70 Thelonious Monk-Kompositionen den Rhythmus mit einem großen Ball „dribbelte“, versuchte Mahall ihm auf einer Hatz durch die Rotunde das Spielgerät abzujagen -, swingte die Band gleichermaßen klassisch wie staubfrei durch die Nacht. Jedes Instrument erhielt Gelegenheit zu solistischen Ausflügen, wonach das kollektive Weben am Gesamtkunstwerk fortgesetzt wurde. Die punktgenauen Einsätze bedurften keines Blickkontaktes; diese Musiker scheinen auf die Atemströme ihrer Kollegen zu hören oder gar deren Gedanken zu lesen. Bereits eine halbe Stunde nach dem Schlussapplaus winkte Trompeter Axel Dörner zum Abschied von Bahnsteig 3, dem Start einer Tour mit anderen Musikern durch Europa. Am 4. Festivaltag wurde zum vierten Mal der Flügel gestimmt. Die Organisation ist längst professionell bis ins Detail. Die Bühne stand inzwischen im Hof des Paul-Wunderlich-Hauses und leider, bedauerte der 67jährige Herr Golecki, achte unter freiem Himmel sowieso keiner auf den Feinklang des Instrumentes.
Er sollte Recht behalten. Zum abendlichen „Kontakt“-Jazzmeeting herrschten am Nordtor arktische 8° Celsius. Das Reisebüro gegenüber provozierte mit Angeboten für die griechischen Inseln. „Lühning“ aus Köln konnten immerhin das Herz erwärmen und zu kleinen Tanzschritten animieren. „Glücklich1“ aus Berlin war eine gute Band zur falschen Zeit am falschen Ort. Elina Duni, die als 11-jährige aus Albanien in die Schweiz kam und von dort nun mit ihrem Trio nach Eberswalde, verwandelte den schwermütigen Sound des Balkan in anrührend eigene Lieder. „Man darf nur nicht vorgeben, man sei in der Fremde zu Hause“, sagte sie und bedankte sich für die Eberswalder Gastfreundschaft.
„Jazz in E.“ ist jetzt im Paul-Wunderlich-Haus angekommen. Der Weg von der legendären „Garage“ in der Eisenbahnstraße, in der einst alles begann, ins Zentrum der Stadt war weiter als die eigentlichen 500 Meter. Nicht alle sind ihn mitgegangen, viele haben sich angeschlossen. Ob „Jazz in E.“ im Herzen der Stadt auch zu Hause ist, wird die Zukunft zeigen. Schon gibt es in Eberswalde keinen Ort mehr, an dem man Jazz-CDs kaufen kann. „Sollte Udo Muszynski auf die Idee kommen, die Stadt zu verlassen,“ sagte Ulf Drechsel, Jazzexperte des Rundfunks Berlin-Brandenburg, „ist der Jazz in dieser Stadt mausetot. Definitiv.“

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